Freitag, 6. November 2020

Alternativen zum Gender-Sternchen

Um es vorwegzuschicken, ich bin kein Antifeminist, und Bemühungen, Geschlechterdiskrimierung in Sprache und Gesellschaft zu beseitigen, stehe ich positiv gegenüber. Klar ist freilich auch, dass Formen der Geschlechterdiskriminierung mit Bezug auf Verdienst, Aufstiegsmöglichkeiten und persönliche Entscheidungsfreiheit (§218) eigentlich dringendere Probleme sind, denn hier besteht konkreter Handlungsbedarf. Geschlechterneutralität auf der Ebene bloßer Worte ist allerdings etwas, das allen Beteiligten einen bequemen Ausweg gibt, es verursacht weder große Kosten noch Veränderung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, es wälzt die Problematik von der Gesellschaft auf das Individuum ab und es ist ein vergleichsweise leicht zu erringender Sieg, der denen, die eine Veränderung brauchen, zumindest signalisiert, dass sie wahrgenommen werden.

Aber ich bin auch Linguist und Muttersprachler des Deutschen, und ein Großteil der Versuche, Geschlechtsneutralität in der Sprache umzusetzen (https://geschicktgendern.de/tag/genderstern/), sind einerseits weitgehend unwissenschaftlich und andererseits wirklich eine Verletzung des Sprachgefühls. Und mit Sprachgefühl meine ich nicht etwa ein diffuses Unbehagen mit einer ungewohnten Aussprache, etwa der Pausen-Sprechung des Gender-Sternchens (Mitarbeiter*innen, also Mitarbeiter-hicks-innen) sondern empirisch nachweisbare Prozesse in der Lautstruktur des Deutschen, die historisch seit mehreren hundert Jahren wirksam sind, und die eine solche Aussprache eigentlich verbieten. 


Silbenstruktur des Deutschen

Allgemein beschreibt man die Silbenstruktur einer Sprache als eine Sequenz von Konsonanten (C) und Vokalen (V). Das Japanische ist beispielsweise bekannt dafür, eine sehr einfache Silbenstruktur zu verwenden, in denen eine Silben (bis auf wenige Ausnahmen) stets auf einen Vokal enden, die Silben haben also fast alle die Struktur CV (ein Konsonant, gefolgt von einem Vokal). Im Deutschen ist das etwas komplizierter, wir können mehrere Konsonanten vor einem Vokal haben (etwa CCCV in Stroh), oder auch mehrere Konsonanten nach einem Vokal (etwa CCVCC in plump), was es aber nicht gibt, sind Silben, die mit einem Vokal beginnen. Freilich gibt es Worte, die mit einem Vokal beginnen, aber vor dem Vokal ergänzt das Deutsche dann einen Konsonanten, den wir in der Orthographie nicht schreiben, den Kehlverschluss (Glottalstop, phonetisch geschrieben ʔ). Auch ein Wort wie Ah! hat daher die Silbenstruktur CV. Allerdings ist der Glottalstop im Deutschen auf genau diese Funktion festgelegt (weshalb sein Status als vollwertiger Konsonant manchmal bezweifelt wird) und kann insbesondere nicht im Wortinneren auftreten. 

Daraus folgt, dass die Silbenstruktur von Bürger*innen, wenn sie mit ʔ gesprochen wird, schlicht ungrammatisch ist. Die Aussprache des Gendersternchens durch eine Pause ist aber genau das, ein Glottalstop mitten in einem Wort. Um zu verdeutlichen, was hier mit ungrammatisch gemeint ist, können wir Fälle heranziehen, in denen ein Glottalstop im Wortinneren eigentlich zu erwarten wäre, und wie das Deutsche mit solchen Konstellationen umgeht. Um es vorwegzunehmen: Sie werden beseitigt, und zwar systematisch und seit Jahrhunderten.
 

Der Hiat im Deutschen

Der typische Kontext, in dem ein Glottalstop im Deutschen organisch zu erwarten wäre, ist, wenn ein Wort mit finalem Vokal durch ein Morphem ergänzt wird, das mit Vokal (bzw. Glottalstop) beginnt. In der Sprachwissenschaft wird das Zusammentreffen von Vokalen zweier Silben als Hiat ("Lücke") bezeichnet. Wir haben einen solchen Fall z.B. in der Flexion. Betrachten wir das Wort Vieh, Plural kann im Deutschen unterschiedlich gebildet werden, beispielsweise durch -er (wie Häuser zu Haus), und das wird auch hier verwendet. Allerdings gibt es Vieher nicht, sondern nur Viecher. Der Hiat wird durch einen Konsonanten ersetzt. In diesem Fall hat dieser Konsonant auch eine etymologische Basis. In anderen Fällen aber nicht. Betrachten wir die Frau, reguläre Pluralbildung mit -en (wie in Herren zu  Herr). Geschrieben sieht Frauen durchaus nach Hiat aus, allerdings gibt es keinen Glottalstop. Der Grund dafür -- teilweise verschleiert durch die Diphthongierung von mhd. û zu au -- ist die Einführung eines Gleitlautes. Im Mittelhochdeutschen wird das deutlich durch Schreibungen mit w wie in frouwen, im Neuhochdeutschen ist der Gleitlaut mit der zweiten Hälfte des Dipthongs zusammengefallen (und könnte sogar eine Rolle bei der Entstehung der Dipthongierung gespielt haben). In Varietäten ohne Diphthongierung waren die Strategien zur Hiatvermeidung noch deutlich aggressiver. Im Nordmärkischen beispielsweise wurde hier ein g eingesetzt. Daher dort dann Fru - Fruggen. 

Die Vermeidung von Glottalstops im Wortinneren ist demnach schon seit Jahrhunderten aktiv, und sie dauert an. Tatsächlich gibt es in jüngeren Formen einen scheinbaren Hiat. Die Jenaer (Einwohner von Jena) mögen hier genannt sein. Das wird (zumindest in meiner Aussprache) aber ohne Glottalstop gesprochen, sondern ich habe da einen Hauchlaut, etwa h. Der ist in diesem Fall auch etymologisch plausibel, denn -a stammt aus älterem -ach (für einen Fluß). Dass das nicht in die Schreibung gelangt ist, mag damit zusammenhängen, dass die Form Jenaer vermutlich nicht über die Aufklärung hinausgeht, und dass die ursprüngliche Selbstbezeichnung wahrscheinlich wohl eher Jensche gewesen sein dürfte. 

Eine andere Quelle für einen Hiat sind Lehnworte aus Sprachen, in denen das eher zulässig ist. Klassisches Beispiel dafür ist der Neandertaler. Natürlich ist Neander- kein deutsches Wort, sondern Griechisch ("Neumann"), deswegen zählt das hier nur bedingt, aber (zumindest in meiner Aussprache) artikuliere ich da keinen Glottalstop, sondern einen (schwach artikulierten) Gleitlaut (etwa j). Die Einführung von Gleitlauten aber ist genau derselbe Prozess, der schon im Mittelhochdeutschen nachweisbar ist, und wahrscheinlich ähnlich alt wie andere Besonderheiten des Deutschen wie z.B. die Auslautverhärtung (das ist das, was es uns schwer macht, den Unterschied zwischen Englisch bad und bat zu artikulieren). Die ist in der Orthographie bereits seit gut tausend Jahren nachweisbar.

Zusammengefasst ist stark anzuzweifeln, dass eine Aussprache, die sowohl fundamental mit der Phonologie des Deutschen kollidiert als auch nicht durch einflussreiche Kontaktsprachen gestützt wird (das Englische besitzt keinen Glottalstop), sich mittelfristig durchsetzen kann. Selbst wenn sich das offiziell etabliert, ist zu erwarten, dass der Glottalstop sehr bald abgeschliffen und assimiliert wird, und dass er entweder entfällt (nach Konsonant) oder sich in einen Gleitlaut verwandelt (nach Vokal). Und damit ist das Ergebnis, dass Bürger*innen letztlich genauso gesprochen wird wie Bürgerinnen. Ich persönlich kann grundsätzlich damit auch in der gesprochenen Sprache leben (solange nicht ausschließlich männliche Personen damit bezeichnet werden sollen), aber das führt auf ein anderes Problem, die Ersetzung geschlechtsneutraler durch geschlechtsspezifische (weiblicher) Begriffe.

Brauchen wir ein generisches Femininum?

Die Wurzel des Problems ist ein anderes, nämlich eine Reihe fundamentaler Missverständnisse über die Natur des grammatischen Geschlechts, denn das hat mit dem natürlichen Geschlecht eigentlich relativ wenig zu tun. Ein Becher ist nicht grundsätzlich männlicher als ein Glas oder eine Flasche, eine Bohle nicht grundsätzlich weiblicher als ein Brett oder der Baum aus dem sie gemacht sind. Das sind letztlich arbiträre grammatische Kategorien. Sie überlappen allerdings teilweise mit dem biologischen Geschlecht. Dafür gibt es sprachhistorische Gründe, allerdings auch praktische, denn wir können das grammatische Genus verwenden, um effektiver und eindeutiger zu sprechen. 

Nehmen wir folgendes Beispiel:

Der Junge hat den Kleinen geschubst. Er ist dann davongelaufen. 

Hier ist unklar, wer eigentlich wegläuft. Meist wird das wohl so verstanden werden, dass der Täter weggelaufen ist, denn Personalpronomen tendieren dazu, sich auf das Subjekt zu beziehen, aber diese Interpretation ist nicht zwingend. Man kann das deutlicher machen, indem man sagt, Der ist dann davongelaufen, denn das Demonstrativpronomen bezieht sich eher auf das Nicht-Subjekt, oder man kann noch einmal Der Kleine sagen. Das grammatische Genus erlaubt uns aber auch etwas anderes, nämlich, dem Opfer ein anderes Genus zu geben, um es so eindeutig zu identifizieren, ohne mehr (der Kleine) oder umgangssprachlicher (der) sprechen zu müssen:

Der Junge hat das Kind geschubst. Es ist dann davongelaufen. (eindeutig das Opfer)
Der Junge hat das Kind geschubst. Er ist dann davongelaufen. (eindeutig der Täter)

Das ist genau (und nur) deswegen möglich, weil das grammatische Genus nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt und wir einer Person durch gezielte Wahl sprachlicher Mittel unabhängig vom biologischen Geschlecht ein anderes grammatisches Geschlecht zuweisen können.

Genusdifferenzierung ist daher etwas ausgesprochen nützliches, und darauf zu verzichten (etwa dadurch, dass man Pronomina beider Formen abwechselnd verwendet) ist nicht nur verwirrend, sondern unökonomisch. (Und wird sich vermutlich schon deswegen nicht in der Sprachpraxis durchsetzen.) Man könnte die Pronomen grundsätzlich standardisieren, allerdings verliert man dann die Möglichkeit, dadurch zu disambiguieren. Auch das macht das Sprechen weniger effizient und wird langfristig nur haltbar sein, wenn sich alternative Strategien zur Differenzierung entwickeln. Diese sind durch präskriptiven Sprachgebrauch aber kaum zu erreichen. Sie entstehen gewissermaßen von selbst, wenn in einer Sprache Formen der beiden Paradigmen ganz oder teilweise zusammenfallen. (Im Schwedischen etwa ließ sich hen dadurch motivieren, dass es die Grundform der Personalpronomina han f. und hon m. mit dem Vokal des Neutrums den/det zusammenfügte.) Das ist im Deutschen nicht der Fall -- zumindest nicht im Singular.

Ganz anders ist das im Plural. Weder Pronomen noch die Flexion von Adjektiven oder Substantiven unterstützen die Annahme eines grammatischen Genus in der deutschen Pluralmorphologie. Gewissermaßen behandeln wir (in morphologischer Hinsicht) den Plural wie ein viertes Genus: Maskulinum, Femininum, Neutrum und Plural. Sprachübergreifend wäre hierbei vielleicht besser, von Nominalklassen zu sprechen (wie etwa im Bantu) und sie durchzunummerieren, aber es gibt eine Tradition der Grammatikbeschreibung, sie mit geschlechtsbezogenen Begriffen zu bezeichnen.

Dieser Begriff des grammatischen Geschlechts ist nun freilich zu trennen von zwei anderen. Einerseits haben Substantive, die eine Singularform haben, ein lexikalisches Geschlecht. Es ist im Plural nicht morphologisch markiert, aber Bestandteil der Wortsemantik und im Singular erkennbar. Andererseits besitzen Menschen, verschiedene Tiere und unbelebte Dinge ein erkennbares natürliches Geschlecht, das einerseits belebte und unbelebte Dinge (+- animate/human) und andererseits das biologische Geschlecht (männlich / weiblich) unterscheidet. Diese korrespondieren nur eingeschränkt mit dem Genusbegriff der Sprache, aber es gibt durchaus Korrelationen. 

Darüber hinaus besitzen aber nicht nur Lexeme ein lexikalisches Geschlecht, sondern auch Morpheme. In der Derivation wird das lexikalische Genus des Stammes durch das grammatische Genus des Morphems ersetzt, so dass Diminuitiva (Mädchen, Männchen, Weibchen, Frauchen, Herrchen) durchweg grammatisch neutral (biologisch unbelebt???) sind, Abstrakta (Schönheit, Aufrichtigkeit; Anhörung) feminin (biologisch weiblich???), Agentiva (Lehrer, Hörer) maskulin (biologisch männlich???) usw. Neben der Verwechslung zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht zielt der Versuch der Korrektur mit Hilfe des Gender-Sternchens nun darauf ab, Geschlechterungleichheit durch Derivation zu korrigieren. Grammatische Geschlechtsneutralität setzt dabei allerdings voraus, dass man sich auf Gruppen von Menschen bezieht -- nur besitzt der Plural gar kein grammatisches Genus. Sinn macht eine Genuskorrektur durch Derivation daher nur dann, wenn Individuen angesprochen werden. Hier kann durchaus Geschlechtsunsicherheit bestehen (und dann kann man immer eine Umschreibung finden oder notfalls auf Neubildungen wie ersie oder dialektale Formen wie de  [niederdeutsches Demonstrativpronomen und Artikel nom.sg.fm. und nom.pl.] zurückgreifen), aber wo das nicht der Fall ist, ist der Genderstern schlicht unnötig.

Ein letztes Missverständnis liegt darin, dass viele heute als maskulin wahrgenommene Formen eigentlich geschlechtsneutral sind. Das gilt nicht zuletzt für die Wurzel man(n) in man. Wäre das geschlechtsspezifisch, dürften abgeleitete Formen wir jemand, niemand und Mensch (das man etymologisch korrekt eigentlich Männsch schreiben müsste < *mannisko-) eigentlich nicht mit der neutralen Bedeutung existieren, in der wir sie kennen. All das ist tatsächlich von derselben Wurzel abgeleitet, von der auch Mann (pl. Männer) stammt, aber ebensowenig geschlechtsspezifisch wie das Verb bemannen (wie heißt "die bemannte Raumfahrt" in geschlechtsneutral?) oder die Mannen (nur pl., gerade nicht Männer), die das tun. Wollte man das geschlechtsneutral umgestalten, ist die Lösung aber nicht frau (bzw. jefraud, niefraud, und Fräusch), denn das hat eigentlich nicht die Bedeutung "weiblich", sondern leitet sich aus einem Begriff von Herrschaft (so noch in Fron) ab und heißt eigentlich "Herrin", sondern mensch (und dann jemenschd, niemenschd und -- das kann dann wohl bleiben -- Mensch).

Eine Alternative

Die Verwechslung zwischen grammatischem Genus im Singular und dessen Fehlen im Plural ist aber durchaus nachvollziehbar, da einem Hörer das lexikalische Genus durchaus bewusst sein mag, wenn es auch als grammatische Kategorie im Plural nicht existiert. Und hier setzt mein Vorschlag an: Ändern wir das lexikalische Genus, durch tagtäglichen Gebrauch, aber ohne Gewalt gegen die Sprache: Anstatt den Plural mit Hilfe einer phonologisch unmöglichen und orthographisch (und technisch, denn * ist in der Informationstechnologie i.d.R. kein Buchstabe, sondern ein regulärer Ausdruck) schwierigen Teil-Derivation zu überfrachten, hat das Deutsche alle Mittel, eine geschlechtsspezifische Grundform für den Singular zu bilden, deren Plural mit den bestehenden geschlechtsneutralen Pluralformen übereinstimmt. Das lexikalische Genus des Plural ändert sich damit durch den aktiven Gebrauch: Verwendet man systematisch den geschlechtsbezogenen Singular ohne Derivationsmorphem, verliert der Plural seine Interpretation als geschlechtsspezifisch und wird in der nächsten Generation als wirklich neutral erworben, ohne dass die Expressivität der Sprache leidet oder ihre Struktur verletzt wird.

Als Grundform mögen die Studenten dienen, ein regulärer -en-Plural zu einem maskulinen Student. Der -en-Plural ist aber auch die reguläre Form von Feminina wie Ente. Aus dieser Analogie kann man einen femininen Singular *Studente bilden. Das Paradigma wäre dann Student m., Studente f., Studenten pl. (=mf.) Kein Genderstern notwendig, keine Geschlechterdiskriminierung, keine grammatische Form, die das Deutsche so nicht schon vor hundert Jahren kannte. Der Unterschied zur Anpassung der Pluralformen besteht darin, dass das hier allein mit Mitteln der Flexionsmorphologie gelöst werden kann, keine Derivation notwendig ist und wir mit Formen operieren können, die vielleicht ungewöhnlich sind, aber zumindest nicht ungrammatisch. Dies erweitert traditionelle Methoden geschlechtsneutraler Bezeichnungen, die für deverbale Nomen und Adjektive existieren um geschlechtsneutrale Bezeichnungen für Wurzelnomen und Lehnworte.

Für all das lässt sich sogar eine diachrone Basis finden. Das deutsche -e in femininen Nomen geht i.d.R. auf ahd. -(i)a zurück. Die Studente entspräche also einer lateinischen *student-ia. Die mag es als Wort so in antiker Zeit nicht gegeben haben, sie ist aber auch im Lateinischen grammatisch möglich. Analog für Plurale auf -e wie in Kühe ("f.") oder Ärzte ("m."). Der feminine Singular wäre dann die Arzt (analog zu Kuh), usw. Schön ist, dass man weiter Ich bin Arzt sagen kann ohne ein Geschlecht zu diskriminieren. Man darf dann aber auch Ich bin die Arzt sagen ... Was machen wir mit den Agentiva auf -er? Historisch stammen die weitgehend aus dem Lateinischen -ârius. Dem entspricht ein feminines -âria. Das hätte -er(e) ergeben müssen. Femininer Singular zu Bauern wäre dementsprechend Bauere (oder Bauer), der Plural Bauern ist nicht vollkommen systematisch, weil man Baueren neben Bauern erwarten würde, aber wir haben eine analoge Alternation zwischen Herrn und Herren, so dass das noch immer regelhaft wäre.

Natürlich gibt es ein paar Stellen, wo das so nur bedingt funktionieren wird: einen femininen Singular für Schüler zu bilden ist schwierig, denn letztlich wäre das (wenn der Plural Schüler erhalten bleiben soll) wohl die Schüler. Hier gibt es Verwechslungspotential zwischen Singular und Plural, aber es bleiben ja auch noch alternative Strategien, deverbale Nominalisierungen auf Basis von Partizipien, die Lernende beispielsweise. Ich bin insgesamt kein großer Freund einer präskriptiven Sprachpolitik -- und darauf läuft das genderneutrale Sprechen hinaus --,  denn das widerspricht Grundannahmen der modernen Linguistik, die sich eher bemüht, den Sprachgebrauch zu verstehen als ihn zu korrigieren, aber wenn es denn unbedingt sein soll, sind diese beiden Strategien -- Umschreibung durch Partizipialbildungen und Bildung geschlechtsspezifischer Singularformen für beide Geschlechter -- zumindest etwas, dass man aus sprachwissenschaftlicher Hinsicht als mininalintensiven Eingriff bezeichnen könnten. Ganz anders als der Gender-Stern.

Andererseits handelt es sich hierbei auch um eine diskrete Innovation, keine lauthals schreiende (= das Sprachgefühl verletzende), weshalb ich nicht davon ausgehe, dass das irgendeine Aussicht auf politischen Erfolg hat. Der Feminismus kann so ein bisschen Schreien ruhig gebrauchen, wenn man sich auch mehr Konkretes wünschen würde. Und so werden wir wohl weiter den Zwiespalt zwischen Grammatik und Politik ertragen müssen. Noch besser wäre freilich, die Energie für diesen Kampf um Worte würde tatsächlich in die Politik fließen.